Humanistischer Journalismus

Medien sind überall, und wir kommen jeden Tag mehrmals mit Medieninhalten in Berührung. Sie helfen, uns in der Welt zurechtzufinden, und informieren uns über Dinge, die für uns relevant sind oder uns interessieren. Dabei nehmen sie eine wichtige Filterfunktion wahr: Es gibt so viel, was auf der Welt passiert, dass wir die Orientierung verlören, wenn wir alles erführen.

Die Medien und die Menschen, die in ihnen arbeiten, selektieren für uns aus dem verfügbaren Nachrichtenangebot der internationalen und nationalen Agenturen und den eigenen Recherchen. Dieser Selektionsprozess macht Medienprodukte in erster Linie voneinander unterscheidbar. Bei einem Sportmagazin ist klar, wo der Fokus liegt; vielleicht widmet eine konservative Tageszeitung der Entwicklung der Börse mehr Raum als den Gewerkschaften. In der Boulevardzeitung wird unter Wissenschaft eher über die vierzehnte Fake-Studie „Schokolade essen ist gesund“ als über wichtige wissenschaftliche Durchbrüche berichtet, die nicht in fünf Zeilen abgehandelt werden können.

An guten Journalismus werden verschiedene Kriterien gestellt. Allen voran soll er objektiv sein, und die Ereignisse so beschreiben, wie sie sind. In der Praxis gibt es natürlich keine vollständige Objektivität, und die Teilnehmenden wissen das auch. Was es gibt, sind Richtlinien, die die Alltagsentscheidungen erleichtern und damit einen guten Journalismus zumindest ermöglichen sollen. Ein Beispiel für solche Richtlinien ist der „Ehrenkodex für die österreichische Presse“. Dieser ist nicht perfekt, zum Beispiel könnte er im 21. Jahrhundert auf den besonderen Schutz religiöser Lehren vor Kritik verzichten, aber er ist ein guter Rahmen für die journalistische Arbeit.

Doch Richtlinien bieten einen großen Spielraum, sonst wären in Österreich z. B. die Tageszeitungen gar nicht voneinander unterscheidbar. In der Realität hat jeder Mensch seine inneren Einstellungen, und er ist ein soziales Wesen. Im Fall von JournalistInnen, die im sozialen System „Redaktion“ arbeiten, wirkt sich das in vielerlei Hinsicht aus. Sie betrachten verschiedene Akteure (Organisationen, Staaten, PolitikerInnen, …) unbewusst oder aus Erfahrung unterschiedlich positiv oder negativ, sie diskutieren die Ereignisse mit den KollegInnen und bekommen dadurch einen Interpretationsrahmen für viele Dinge mit, der von Redaktion zu Redaktion unterschiedlich ist. Schon ihre Entscheidung für einen Arbeitsplatz hängt ja meistens damit zusammen, ob sie sich mit dem Medienprodukt identifizieren können.

Welchen Platz hat nun Humanismus in diesem Bild? Kann man überhaupt den Anspruch stellen, Journalismus soll „humanistisch“ (statt etwa „konservativ“, „progressiv“, „emanzipatorisch“ usw.) sein? Ja. Die meisten Redaktionen geben sich Ziele und definieren sich in einer Weise, mit einer Sammlung von Attributen und Werten. Humanistisch oder sogar säkular humanistisch ist sicherlich etwas, was man als LeserIn fordern und als MedienschaffendeR anstreben kann. Daran kann man ein Medienprodukt messen. Humanismus ist eine umfassende Weltanschauung, die geeignet ist, als Leitbild in der journalistischen Arbeit zu dienen.

Das humanistische Grundprinzip ist, dass der Mensch, seine Freiheit und sein Wohlergehen im Fokus stehen. Statt sich auf erfundene Gottheiten, unsichtbare Mächte und fiktive Ewigkeiten zu verlassen, wird die Welt nach abgesicherten Erkenntnissen, mit wissenschaftlichen Methoden beschrieben. Die Welt soll jetzt und hier besser werden, Menschen sollen sich fair zu anderen verhalten. Demokratie ist besser als Unterdrückung, Freiheit der Gedanken und ihrer Äußerung besser als autoritäre Glaubenssysteme und Zensur.

Es muss für die Mehrzahl der nicht-konfessionsgebundenen Redaktionen Konsens sein, dass diese Werte im demokratischen Österreich des Jahres 2022 sinnvoll sind, selbst wenn man sich nicht als humanistisch bezeichnet. Dass dies nicht selbstverständlich ist, wird hier ein Bericht in der ORF-Radiosendung „Religion aktuell“ vom 23. 9. 2022 (für begrenzte Zeit online) zeigen.

Es geht um die Massenproteste im Iran seit dem Tod von Mahsa Amini, die von der Sittenpolizei festgenommen und nach Augenzeugenberichten misshandelt wurde. Obwohl das Thema seit einer Woche in allen Medien behandelt wird, schafft es Religion „Aktuell“ erst nach sieben Tagen, darüber zu berichten. Und dann entscheidet sich die Religionsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, nach einer kurzen Schilderung des auslösenden Ereignisses die meiste Zeit (mehr als 90 % des Beitrags) damit zu verbringen, die Position des fundamentalistisch religiösen Terrorregimes und ihrer Unterstützenden wiederzugeben. Nach einer Woche Protesten ist die laut ORF-Religionsredaktion erste wichtige Nachricht, dass das Regime „heute zu Gegenprotesten aufgerufen“ habe. Das ist, wenn man vorher nicht über die Proteste berichtet hat, erschreckend nah an „ab heute wird zurückgeschossen“. Der Beitrag zitiert ausführlich einen Ayatollah, unter anderem mit der absurden Lüge, dass die Protestierenden der Opposition „Anweisungen und Geld aus dem Ausland“ erhielten, einer verbreiteten Unterstellung von Autokraten, die auf der falschen Seite der Geschichte stehen.

Und das vor einigen hundert Leuten – während in einigen hundert Städten gleichzeitig gegen das Regime und die religiös begründete Unterdrückung von Frauen protestiert wird. Die zweite Person, die zu Wort kommt, ist eine Frau, die hinter dem Regime steht.

Dann wird erklärt, dass die Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen und Abschaffung der Kleidungsvorschriften das Land „spalte“, ein negativ besetzter Begriff. Und die vielen Menschen, die ein Ende der islamischen Republik fordern, seien „frustriert“. Dies ist der einzige, sehr kurze Teil, der überhaupt die Position der seit einer Woche protestierenden Menschen unvollständig nennt und wie gezeigt negativ einstellt. Der Rest des Beitrags gibt wieder die Ankündigungen der verschiedenen Machthabenden im Iran wieder, und für die Information, dass die Staatsmacht mit scharfer Munition in die Demonstrierenden schießen lässt, reicht die Zeit gar nicht mehr – oder die Religionsredaktion betrachtet dies nicht als interessant.

Wie können wir diesen Beitrag nach humanistischen Gesichtspunkten einordnen? Der Themen-Selektionsprozess hat diese international viel beachtete Nachricht erst nach der Reaktion der Machthabenden überhaupt in die Sendung gebracht. Die Forderung nach Freiheit und Gleichheit werden darin fast schon diskreditiert und extrem untergeordnet. Groteske Lügen der Machthaber und irrelevante Aussagen werden ausführlich zitiert und damit ein menschenverachtendes, antidemokratisches, Grundrechte mit den Füßen tretendes Regime legitimiert.

Eine häufige Kritik an Journalismus ist, eine „falsche Balance“ herzustellen: Zu jeder noch so gut fundierten und vernünftigen Position wird eine Gegenposition, auch wenn sie absurd ist, als gleich relevante Alternative präsentiert. Aber hier wurde noch nicht einmal eine Balance hergestellt, sondern überwiegend die Position der iranischen Theokratie präsentiert.

Wir haben Anspruch auf guten Journalismus in einem Medium, das wir mit unseren Beiträgen finanzieren. Wären die Leute, die den Radiobeitrag gestaltet haben, mit humanistischen Ideen in Berührung gekommen, hätten sie die bewusste Auswahl der Sprechenden und der dargestellten Positionen sicherlich anders gewichtet. Sie hätten darauf hingewiesen, dass ein seit vierzig Jahren mit fundamentalistischen Glaubenslehren unterdrücktes Volk sich unter dem Einsatz des eigenen Lebens gegen absurde religiöse Vorschriften und die Diktatur von Berufslügnern auflehnt, dass die Menschen für freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung protestieren und dass sie ihr Leben in der Gegenwart gut leben wollen, ohne Bevormundung durch die erzkonservativen Ausleger Jahrtausende alter Lehren.

Leider ist der Beitrag nicht so geworden, wie demokratisch oder humanistisch gesinnte Menschen ihn erwarten. Wir empfehlen der ORF-Religionsredaktion, sich mit humanistischen Ideen zu beschäftigen, statt weiter Verlautbarungsjournalismus für Theokratien zu betreiben.

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