Madalyn Murray O’Hair, eine erfolgreiche Aktivistin für die Säkularisierung – bis zu ihrer Ermordung

Madalyn Murray O’Hair (1919-1995) ist vielen Menschen in Österreich eine Unbekannte. In den USA hat sie aber Justizgeschichte geschrieben, auf ihr Konto geht die Abschaffung des damals für SchülerInnen noch verpflichtende Gebet in öffentlichen Schulen. Mit Stolz nannte sie sich selbst „die meistgehasste Frau Amerikas“. Ihr Ende ist brutal: Gemeinsam mit einem Sohn und ihrer Enkeltochter wird sie aus Geldgier und aus Rachemotiven entführt, ermordet, zerstückelt und verscharrt. Die Überreste werden erst Jahre später aufgefunden, ein Entführer hatte die Polizei auf eine abgelegene Ranch in Texas geführt. Zu dieser Zeit war ihr Ruf bereits ruiniert. Religiöse Fanatiker und ein zweiter Sohn, der sich zuvor „als Erleuchteter“ von seiner Mutter abgewandt hatte, haben über Jahre die Lüge verbreitet, die Atheistenfamilie sei mit Schwarzgeld verschwunden. Der nachfolgende Beitrag will die streitbare Aktivistin und einige ihre einprägsamen Aphorismen vorstellen, aber auch aufzeigen, inwieweit die Rechtsstreitigkeiten im Amerika auch für Österreich fruchtbar sind.

Kindheit

Am 13. April 1919 kommt unsere Protagonistin in einem Vorort von Pittsburgh, Pennsylvania, einem Mittelatlantikstaat der USA, auf die Welt. Ihr Mädchenname bei Geburt ist Madalyn (Evalyn) Mays. Der Vater arbeitet als Bauunternehmer, die Mutter ist Hausfrau. Die Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre belastet die Familie schwer.

Von ihren Eltern wird Madalyn presbyterianisch erzogen. Die Presbyterianische Kirche zählt zu den evangelisch-reformierten Kirchen und wird von Ältesten oder Pastoren geleitet. Später wird Madalyn einmal sagen, dass sie den Beginn ihres Atheismus damit datiert, als sie selbst zum ersten Mal die Bibel gelesen hat.

Heirat und Kinder

Im Jahr 1941 heiratet sie, aber der Ehe ist kein langer Erfolg beschieden. Beide Ehegatten treten im zweiten Weltkrieg der US Army bei, aber zu unterschiedlichen Armeeeinheiten. Ihr Einsatz als Kryptografin im Stab von General Dwight D. Eisenhower bringt sie nach Italien, wo sie den Offizier William Joseph Murray trifft. Was die Beziehung mit Murray betrifft, so kann ich als Nicht-Historiker nur feststellen, dass Wikipedia eine andere Story erzählt, als sie auf der amerikanischen Justizblogseite „The First Amendment Encyclopedia“ dargestellt wird. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass der Offizier seiner Ehefrau zwar untreu wurde, aber sich als Katholik nicht scheiden lassen wollte. Auf der Justizblogseite heißt es, Madalyn habe Murray gehreiratet. Es werden wohl eher die Angaben des Justizbloggers stimmen, denn Faktum ist, dass sich Madalyn Mays fortan „Madalyn Murray“ nennt.

Auch die weiteren Lebenseckdaten widersprechen sich. Laut Justizblogseite erwirbt sie einen Bachelor of Arts am Ashland College in Ohio und 1953 gelingt ihr ein Abschluss in Rechtswissenschaften am South Texas College of Law. Wikipedia-Schreiber meinen zu wissen, dass sie das Jus-Studium nicht abschließen konnte. Für Letzteres spricht, dass sie später trotz ihrer Lust auf juristische Zänkerei für eine kleine Weile als Sozialarbeiterin arbeiten wird.

Übereinstimmend wird berichtet, dass aus der Beziehung ein Kind hervorgeht. Der Sohn William J. Murray III. (genannt „Bill“) wird 1946 geboren und er wird die größte Enttäuschung für die streitbare Atheistin werden, aber dazu noch später.

1954 bringt sie als zweiten Sohn Jon auf die Welt.

1960 arbeitet sie als Sozialarbeiterin in Baltimore.

Der berühmte Rechtsstreit

In den 60er Jahren führt sie bis zum Supreme Court den Rechtsstreit, mit dem sie in die amerikanische Justizgeschichte eingehen wird. Da sie ihre Kinder atheistisch erziehen will, möchte sie verhindern, dass ihr Sohn Bill an Bibel-Lesungen und an gemeinsamen Gebeten in der öffentlichen Schule teilnehmen muss. Also klagt sie auf Grundlage des 1. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.

(Für jene, die es genau wissen und nachlesen wollen. Ihr Rechtsstreit „Murray v. Curlett“ wurde mit der Rechtssache „School District of Abington Township v. Schempp“ zusammengelegt und unter diesem Rubrum weitergeführt.)

Der 1791 verabschiedete 1. Zusatzartikel ist Bestandteil des als Bill of Rights bezeichneten Grundrechtskatalogs. Er besteht aus den ersten zehn Zusatzartikeln zur amerikanischen Verfassung, und verbietet dem Kongress u. a. die Einführung einer Staatsreligion oder die Bevorzugung einzelner Religionen durch Bundesgesetz.

Am 27.02.1963 entscheidet das Gericht, dass der 1. Zusatzartikel eine Neutralität gegenüber Religionen verlange. Obwohl die fraglichen Praktiken als relativ geringfügige Eingriffe erscheinen mögen, „kann die Verletzung der Neutralität, die heute ein rieselnder Strom ist, allzu bald zu einem reißenden Strom werden“.

Gebete und Bibel-Lesungen an öffentlichen Schulen werden seitdem in den USA als nicht verfassungsgemäß eingestuft. Viele Konservative glauben noch heute, dass das Verbot des Schulgebets den Beginn von Amerikas Niedergang in Unmoral und Kriminalität markierte.

Gründung der Vereinigung „American Atheists“

Für ihren Erfolg bei Gericht wird sie im von übertriebenen Glaubenseifer geprägten Amerika gehasst. Auf Wikipedia und diversen Quellen, die Wikipedia unüberprüft übernehmen, wird behauptet, das Life Magazin habe sie 1964 als die meistgehasste Frau Amerikas genannt. Tatsächlich zitierte das Life Magazin in einer Juni Ausgabe von 1964 aber nur O`Hair (Life Magazin 1964, Band 56 Nr. 25): „[…] and she calls herself the most hated woman of the U.S.“. Im demselben Artikel vermutet O`Hair, dass sie einmal eines gewaltsamen Todes sterben wird. Sie wird damit im Ergebnis Recht behalten.

1965 lässt sich Madalyn Murray in Texas nieder, wo sie den Marineoffizier (andere schreiben Künstler) Richard O’Hair heiratete. Sohin heißt sie ab jetzt Madalyn Murray O’Hair.

Wegen angeblicher Inkompetenz war Madaly aus dem Staatsdienst entlassen worden. In Austin gründete sie die Vereinigung „American Atheists“, vor allem auch um atheistische Schriften verbreiten zu können. Bis zu ihrer Entführung und Ermordung bleibt sie die Vorsitzende des Vereins.

In den kommenden Jahren bringt sie weitere Klagen ein, die sie aber verliert. Sie wollte Steuerbefreiungen für Kirchen und Geistliche sowie Steuerabzüge für Spenden an Kirchen verbieten.

Über den scheinbar verlorenen Kampf gegen “In God We Trust”

Sie versucht auch, die Inschrift “In God We Trust” aus der amerikanischen Währung zu verbannen. Interessant die Begründung, warum sie bei diesem Rechtsstreit nicht erfolgreich war. Die Verteidiger des Mottos rechtfertigten es damit, dass es sich um eine Form dessen handelt, was eine Richterin als „zeremoniellen Deismus“ bezeichnet. Durch ständige Wiederholung habe er seinen religiösen Inhalt weitgehend verloren. Der Ausdruck We trust in God sei nicht mehr religiöser Natur, sondern ein historisches Artefakt, eine bloße anerkennung der Rolle der Religion im nationalen Leben, und ein Ausdruck des Patriotismus.

Die abwertende Interpretation wurde in weiterer Folge von anderen Gerichten in ähnlichen Streitigkeiten, wie zum Beispiel bei Inschriften auf öffentlichen Gebäuden, übernommen. Die Worte „In God We Trust“, seien ein „ein säkularer nationaler Slogan“.

Wow, das Vertrauen in Gott ist zur bedeutungslosen Phrase verkommen, das wissen wir, aber in Amerika ist es gerichtlich festgestellt worden, ein Pyrrhussieg für die Säkularisierungsverhinderer.

Die große persönliche Enttäuschung

1965 bekommt ihr Sohn Bill das nichteheliche Kind namens Robin. Madalyn Murray O’Hair adoptiert ihre Enkeltochter.

Ihr Sohn Bill wird die größte persönlich Enttäuschung im Leben von Madalyn. 1980 wendet sich Bill radikal dem christlichen Glauben zu und schließt sich der Erweckungsbewegung an. Bekehrt wendet er sich gegen nichteheliche oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Schwangerschaftsabbrüche, Prostitution usw. Er schreibt autobiographische Bücher, gründet diverse christliche Vereinigungen, kritisiert den Islam, macht seiner Mutter schwere Vorwürfe, wendet sich gegen den Säkularismus und setzt sich für Schulgebete und Bibellesungen in der Schule ein, also das, was seine Mutter erfolgreich abschaffen konnte.

Madalyn Murray O’Hair bricht den Kontakt zu ihrem Sohn ab. Sie sagt: „Man könnte das eine postnatale Abtreibung seitens einer Mutter nennen, denke ich; ich lehne ihn ab ganz und gar für jetzt und alle Zeiten.

Bill Murray lebt noch heute. „Ich war Teil der Familie, die Gott aus Amerika vertrieben hat“, sagt Murray heute seinem Publikum bei seinen evangelikalen Fundraising-Veranstaltungen, und auch: „Ich kenne die Wahrheit besser als jeder andere Mann in Amerika. Deshalb hat Gott mich auserwählt, sie zu sagen.

Das grausame Ende

1995 verschwinden Madalyn Murray O’Hair, ihr zweiter Sohn Jon und die adoptierte Enkeltochter Robin plötzlich und mit ihnen große Geldsummen von den Konten von den American Atheists. Voll von christlicher Nächstenliebe meint Bill über seine Mutter, seine Tochter und seinen Bruder: „Es seien drei fettleibigen Leute. Robin benötigt zwei Flugzeugsitze, wohin sie auch geht. Meine Mutter verwendet das F-Wort in praktisch jedem Satz, der aus ihrem Mund kommt.

2001 werden ihre Überreste auf einer Ranch in Texas aufgefunden. Die Familie war Opfer eines erpresserischen Menschenraubs geworden. Ein ehemaliger Angestellter, American Atheists, sein Name soll mit Absicht nicht genannt sein, war einer der Haupttäter. Dieser Angestellte war ein Ex-Häftling. Davon gab es mehre, die O`Hair eingestellt hat. Warum? Immerhin war sie Sozialarbeiterin gewesen. Ihr Sohn behauptete aber, dass es niemand lange bei der Restfamilie ausgehalten habe, daher sei sie gezwungen gewesen, Vorbestrafte einzustellen.

Die Ironie der Geschichte: Für das Geld wurden Kruger-Goldmünzen gekauft und in einem Schließfach versperrt. Dieses Schließfach wurde von anderen Gaunern geöffnet und alles geraubt.

Netflix hat die Story mit Melissa Leo in der Hauptrolle verfilmt, unter dem Titel: „Amerikas meistgehasste Frau“, ein Trailer findet sich hier. Dort werden Schwarzgeldkonten als echt dargestellt, was vielfach kritisiert wurde.

Zitate

An Agnostic is an atheist without guts.

(muss ich nicht übersetzen, oder?)

Sie müssen nicht negieren, was niemand beweisen kann. Nein, Atheismus ist eine sehr positive Bestätigung der Fähigkeit des Menschen, für sich selbst zu denken, für sich selbst zu handeln und Antworten auf seine eigenen Probleme zu finden. Ich bin begeistert zu fühlen, dass ich mich voll und ganz auf mich selbst verlassen kann; dass meine Kinder so erzogen werden, dass sie ein Problem nicht lösen können, indem sie es Gott unterschieben.

„Aber das abscheulichste Verbrechen der Kirche wurde nicht gegen Kirchenmänner, sondern gegen Kirchenbesucher begangen. Mit ihren giftigen Konzepten von Sünde und göttlicher Bestrafung hat sie unzählige Millionen Menschen durcheinandergebracht und einer Gehirnwäsche unterzogen. Es ist unmöglich, den psychischen Schaden zu beziffern, den die Kirche Generationen von Kindern zugefügt hat, die zu gesunden, glücklichen, produktiven und lebensfrohen Menschen hätten heranwachsen können, wenn ihnen nicht die Last der antisexuellen Angst und der Schuldgefühle von der Kirche eingeimpft worden wäre.

O-Ton

Madalyn Murray O’Hair spricht in den erste beiden Aufnahmen über ihre Philosophie.

In der ersten Sendung geht sie näher auf ihren Atheismus ein.

In der zweiten Sendung spricht sie über einige Vorfälle, denen sie in ihrem militanten Kampf gegen die Religion begegnet ist.

Die Sendung stammt von einer LP mit zwei Schallplatten, die von der Freethought Society of America produziert wurde.

Why I am an atheist 1
Why I am an atheist 2

Eine Rede und Frage-und-Antwort-Sitzung, die im Juni 1971 auf der Mensa Annual Gathering in Houston gehalten wurde, listet O’Hair 57 Arten von Atheisten auf und erklärt ihre Verachtung für sie. Sowohl die Rede als auch die Q&A-Phase wurden stark und knapp gekürzt. Originalaufnahme von K Thomson, 6

I don’t like atheists very much

Video

Madalyn Murray O’Hair Talks Atheism, Religion, and Four Letter Words – Carson Tonight Show – 10.12.1972
Man convicted for ties to 1995 death of ‘Most Hated Woman in America’ resentenced

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4 Antworten

  1. Franz Edler sagt:

    Interessant ist aber auch die Entwicklung ihres Sohnes Bill:
    1980 wendet sich Bill radikal dem christlichen Glauben zu und schließt sich der Erweckungsbewegung an.
    Ich dachte sowas gibt es nur bei entsprechender Indoktrination in der Kindheit. Das kann es aber hier wohl nicht gewesen sein.

    • Es ist selten, aber gerade die US-amerikanische Gesellschaft ist eine, die sehr starke Anreize dafür setzt. Gerade in der Volksschule möchten man in erster Linie “dazugehören”. Welches Kind kann widerstehen, wenn es von seinen Klassenkameraden in einen Kreis eingeschlossen wird, die für ihn aggressiv “beten”?
      https://www.atheistrev.com/2007/06/prayer-circles-on-playground.html

      Und jemand mit diesem Hintergrund ist der große Fang für die Evangelisierungs-Fans. Er selbst kann sofort mit Bestätigung, Interesse und lukrativen Aufträgen rechnen.

      Ich würde mich tatsächlich für belegte Geschichten von Menschen interessieren, die nach einer nachgewiesenermaßen atheistischen Karriere (also Publikation, Mitarbeit in einem Verein, …) gläubig geworden sind. (Nicht aber solche, die behaupten, “mit 20 hatte ich Zweifel und war Atheist”. Ich kenne die Geschichten der angeblich ex-atheistischen Apologeten, die zufällig christlich aufgewachsen sind.)

      Umgekehrt gibt es ja eine große Anzahl von Beispielen: Ex-Pastoren mit PHDs in Theologie finden sich in der atheistischen Szene in großer Zahl.
      Siehe:
      Clergy Project https://clergyproject.org/
      David Madison https://www.tentoughproblems.com/about-the-author/
      Darren Slade https://darrenmslade.academia.edu/
      usw.

      • Franz Edler sagt:

        Ich glaube das Thema der “Prayer Circles” ist hier wohl nicht mehr zutreffend, Ihr Sohn war immerhin 34 Jahre als er sich radikal dem christlichen Glauben zuwandte. Außerdem wollte er nicht einfach nur “dazugehören”, sondern er war offensichtlich sehr aktiv.
        Ich nehme auch nicht an, dass es hier eine christliche Indoktrination gegeben hat, denn die hätte seine Mutter sicher zu unterbinden gewusst.

        • Genau, als er sich “radikal” dem christlichen Glauben zuwandte. Was er als Kind alles erlebt hat in einem christlichen Umfeld, Schule und Freundeskreis, kann man nicht ausklammern. Egal wie wachsam die Mutter war. Außerdem gibt es den katholischen Vater. Es wäre eine sehr große Überraschung, wenn die Kindheit komplett ohne Indoktrination abgelaufen wäre. Wir haben dafür keinerlei Belege.

          Auch bezeichnend, dass Sie den ganzen Artikel über eine selbstbewußte, selbständige Frau, die einen großen Erfolg für die notwendige Säkularisierung erreicht hat, ignorieren, und sich auf den irrelevanten Sohn konzentrieren. Auf einen, der als Evangelikaler aktiv daran arbeitet, Demokratie und Religionsfreiheit in den USA zu reduzieren. Auf welcher Seite der Geschichte steht er damit?

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