Edward Dolnick
„Die Entschlüsselung der Hieroglyphen“

Von etwa 3200 v.Chr. bis 394 n. Chr. bildeten Hieroglyphen das Schriftsystem Ägyptens; ursprünglich als reine Bilderschrift, zu der im weiteren Verlauf Konsonanten und Sinnzeichen kamen, die letztendlich zu einer Schrift aus Lautzeichen, Bildzeichen und Deutzeichen führte. Zwei Jahrtausende lang zerbrachen sich Gelehrte die Köpfe über in Obelisken eingeritzte, oder auf Papyri überlieferte Inschriften: „Ägypten war übersät mit zahllosen Botschaften, und sie alle waren stumm“.

Die Entschlüsselung der Hieroglyphen: Zwei rivalisierende Genies, das Alte Ägypten und der Stein von Rosette

Edward Dolnick beschreibt kenntnisreich und überaus spannend die Suche nach der Entschlüsselung der geheimnisvollen Schrift. Er umkreist das Thema mit allgemeinen Betrachtungen zur Geschichte Ägyptens und zur Entwicklung von Schriften und Sprachen mit deren Bedeutung für die Menschheit; gleichzeitig beleuchtet er das politische System und die wirtschaftlichen Gegebenheiten Ägyptens sowie dessen Kunst, Kultur und Religion zur Pharaonenzeit. „Das alte Ägypten hatte keine Vorstellungen von naturwissenschaftlichen Gesetzen und ging davon aus, dass die Welt von Zauberkraft und Magie beherrscht würde“. Zahlreiche Abbildungen, Fußnoten und Literaturhinweise ergänzen die Ausführungen, detaillierte Beschreibungen und Zeichnungen einzelner Hieroglyphen, bzw. von Kartuschen als Ovale, die besondere Stellen im Schriftbild einrahmen, erleichtern das Verstehen der Herausforderung und Schwierigkeit, eine Bildersprache mit einer Vielzahl seltsamer Symbole in eine phonetisch tote Sprache zu übertragen, ohne eine Ahnung von letzterer zu besitzen.

1798 war Frankreichs Armee unter Napoleon in Ägypten eingefallen, im Juli 1799 entdeckte der junge französische Leutnant Pierre-Francois Bouchard den „Stein von Rosette“, der die Basis für die daran anschließende Entschlüsselung der Hieroglyphen bildete. Er enthielt drei Schriftformen: Hieroglyphen oben, eine unbekannte Schrift in der Mitte (sie wurde später als demotisch, d.h. als Entwicklungsstufe der ägyptischen Sprache seit dem 7. Jhdt. v. Chr., erkannt), altgriechisch unten. Anhand des altgriechischen Textes machten sich zahlreiche Gelehrte ans Werk, die Hieroglyphen zu entziffern, wobei die meisten nach Jahren des Bemühens – „mit der Warnung, hier hätte man es mit einem unlösbaren Rätsel zu tun“ – das Vorhaben aus Frustration und Verzweiflung wieder aufgaben. Edward Dolnick beschreibt die diversen Überlegungen und Versuche, die in den Stein von Rosette eingravierten Symbole zu entschlüsseln, bzw. das dahinterliegende Denken zu verstehen, wobei er auch Analogien zu zeitgenössischen Codierungen und Decodierungen (Beispiel Enigma) mit einschließt.

Eingebettet in die Geschichte der Eroberung Ägyptens durch die französische Armee, der neben 40.000 Soldaten auch 160 Wissenschaftler, Künstler und Gelehrte angehörten, vermittelt der Autor, wie die Arbeiten und Untersuchungen der sogenannten „Savants“ zu einer „Ägyptomanie“ in ganz Europa führte, neue Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institute begründeten und „ein Tor aufstießen, das zweitausend Jahre verschlossen gewesen war“.

Wie es der Untertitel des Buches andeutet, haben zwei geniale Forscher in mühevollster Kleinarbeit, verbunden mit zahlreichen Rückschlägen, den Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen gefunden. Der Engländer Thomas Young, einer der vielseitigsten Denker seiner Zeit, widmete diesem Thema einen beträchtlichen Teil seiner Aufmerksamkeit, der Franzose Jean-Francois Champollion verbrachte sein ganzes Leben mit der Erforschung Ägyptens, insbesondere der Hieroglyphen. Der Autor erzählt detailreich, wie den beiden das Unmögliche möglich wurde und welche Wege (und Umwege) sie in einem spannenden Wettlauf über 2 Jahrzehnte zur Entschlüsselung der Schrift beschritten. Die Texte auf dem Stein von Rosette entsprachen sich nur sinngemäß, fremdsprachige Namen in den Kartuschen bildeten letztendlich die Grundlage der Erschließung einzelner Zeichen, bzw. Bilder. Die Ägypter hatten in den Hieroglyphen nicht nur ein simples Alphabet genützt, sondern auch ein Hybridsystem entwickelt; manche Zeichen standen für Laute, manche für Wörter, manche für Symbole und einige bildeten „Determinativa“, die als Sonderzeichen dazu dienten, die Bedeutung einer Folge von Hieroglyphen zu bestimmen. Um der altägyptischen Sprache näher zu kommen, bzw. um die Struktur und das hieroglyphische System einigermaßen zu verstehen, erlernte Champollion das als Erstsprache bereits ausgestorbene Koptisch: „Das alles bedeutet, dass Champollion vor einer geradezu absurd schwierigen Aufgabe stand. Er musste einer toten Sprache Leben einhauchen, auf dem Umweg über eine so gut wie tote Sprache und er musste Laute aus stummen Symbolen heraushören, die er geschrieben vor sich hatte“.

Am Morgen des 14. September 1822 war es so weit, Champollion erhielt eine Postsendung, die ihm mit weiteren Hieroglyphen und Kartuschen aus Abu Simbel zusätzliche Erkenntnisse und Bestätigungen zu seinen bisherigen Arbeiten brachten und ihn zum Ausruf „Je tiens mon affaire! (Ich hab’s!) veranlassten, wonach er, nach Beschreibung seiner Biografin, in Ohnmacht fiel. Im Resultat aller Bemühungen zur Entschlüsselungen der Hieroglyphen hatte Champollion seinen Konkurrenten Young, der zuletzt über den Abschreibfehler eines Kopisten gestolpert war, überflügelt. In den folgenden Jahren analysierte Champollion unzählige Inschriften aus Hieroglyphen und am Ende seines nur 43 Jahre währenden Lebens, im Jahr 1832, konnte er hieroglyphische Inschriften fast vollständig lesen; sein großes Werk „Ägyptische Grammatik“ blieb leider unvollendet.

„Die Entschlüsselung der Hieroglyphen“ vermittelt in lebendig lockerer Schreibweise sehr umfangreich, auch sehr detailreich mit zahlreichen Beispielen aus unserer Alltagssprache, tiefgründige Einblicke in eine bewegte Epoche der Ägyptologie und Sprachforschung. Das aus amerikanischem Englisch gut übersetzte Buch bietet Populärwissenschaft auf hohem Niveau, verbunden mit der Biografie zweier bedeutender Persönlichkeiten. Trotz einiger kleiner Schwächen, vor allem in der Systematik der Darstellungen und in den zeitlichen Abfolgen, gehört es zu den Werken, die man, einmal angelesen, nicht vor der letzten Seite beiseite legen mag.


Ergänzende Anmerkung des Rezensenten:

Im Epilog des Buches beschreibt der Autor die 1866 erfolgte Entdeckung eines Gegenstückes zum Stein von Rosette in der altägyptischen Stadt Tanis. Es handelt sich dabei um das so genannte Kanopus Dekret, mit hieroglyphischer, griechischer und demotischer Inschrift auf einer tonnenschweren Kalksteinstele aus dem Jahr 238 v.Chr.; der Text demonstriert, wie richtig Champollions Entschlüsselungsmethode war. Edward Dolnick nennt nach dessen Selbstdarstellung den Berliner Ägyptologen Richard Lepsius als Finder der Stele, in Wahrheit war es aber der österreichische Sprachforscher Leo Simon Reinisch (ein Urgroßonkel des Rezensenten), der sie gemeinsam mit dem österreichischen Historiker Robert Rösler entdeckt hatte.

https://books.google.at/ebooks/reader?id=ueM-AAAAcAAJ&printsec=frontcover&output=reader&pg=GBS.PA1#v=onepage&q&f=false

Biografie Leo Simon Reinisch:
https://deutschlandsberg.at/images/stories/buergerservice/Beilage_Leo_Reinisch_Druck.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Reinisch

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