Kirchenaustritte – wie lange kann man das Thema ignorieren?

Jedes Jahr werden die Mitgliederzahlen der Kirche veröffentlicht und seit Jahrzehnten schrumpfen sie. Die Kirche sieht sich als Machtapparat noch fest im Sattel und redet das schön. Diese Annuität wird langsam peinlich, vor allem durch die Sprungzahlen: In Wien sind die Konfessionsfreien erstmals über die magische 50%-Marke gestiegen und stellen damit die Mehrheit.

Staatliche Finanzierung unverändert

Das ginge uns alle auch nichts an, läge die Kirche dem Steuerzahler nicht gehörig auf der Tasche. Aber in einer Zeit, in der wir jeden Cent für Schadensbegrenzung brauchen, muss man fragen, was mit den Abermillionen passiert, die jedes Jahr überwiesen werden. Was bekommt der Staat für diese enormen Summen? Oder ist die Kirche Selbstzweck? Wer kontrolliert die Kirche? Der Rechnungshof tut das nicht, obwohl hunderte Millionen an Steuergeld dort versickern. Wenn sich Jahr für Jahr – trotz Gratis-Werbung im Staatsfunk – fast 100.000 Menschen von dem Verein abwenden, so kann man schwerlich diese Herz-Lungenmaschine für einen Moribunden als erfolgreiche Investition in die Zukunft unseres Landes sehen! Wir können uns auch hier keine Intransparenz leisten.

Die Kirche ist ja nicht dafür bekannt, sich große Gedanken über die Zukunft der Menschen zu machen oder solche Beiträge zu leisten. Was, wenn wir in Krisenzeiten wie derzeit das Geld in Überlebensprojekte wie Wasserstoff-Projekte oder öffentlichen Verkehr stecken? Aber nicht einmal soweit muss man gehen: Was, wenn wir wenigstens eine moralische Rendite einfordern? Wer kann argumentieren, dass wir die Kirche aus ethischen Gründen brauchen? Wer kann denn behaupten, dass gläubige Menschen tatsächlich ethischer handeln und wenn ja, ob sie dazu die finanzielle Unterstützung Nicht-Gläubiger brauchen oder überhaupt wollen? Dabei reden wir nicht über die Kulturgüter der Kirche, die bereits jetzt großteils von der Allgemeinheit finanziert werden. Das steht außer Streit.

Nicht außer Streit stehen alle Ausgaben, die die staatspolitischen Aufgaben der Kirche betreffen. Man hat es früher für wichtig gehalten, dass es jemanden gibt, wie Kardinal Rauscher, der einem sagt, dass eine Zivilehe ein „sündhaftes Konkubinat“ ist. (Was übrigens noch immer der Standpunkt der Kirche ist.) Das kann man nach wie vor meinen, aber unterstützenswert ist es nicht.

Säkulares Land?

Wenn es aber um die Fortschreibung von Machtpositionen geht, die zu finanzieren sind, dann muss man die Dinge in einem sogenannten „säkularen Staat“ (siehe meinen Kurier-Kommentar vom 07.06.2022) kritisch betrachten. Wir können jetzt nicht mehr so tun, als wären wir im Jahr `45, in dem noch 90% der Bevölkerung katholisch war und Österreich zu einem potemkinschen Dorf machen. Ein Beispiel: Die rund 10.000 kirchlichen Immobilien (!), die langsam zu Geisterhäusern werden, durchzufüttern, während andere Organisationen, aber auch Private und vor allem Einwanderer händeringend nach Quartieren suchen, ist unverantwortlich. Sie unbenützt zu lassen ist ebenso unverantwortlich, wie sie leer zu heizen.

Das Schrumpfen der Kirche wirft eine Fülle ähnlicher, auch politischer Fragen auf (Ist das Konkordat noch zu vertreten?). Die Politik muss das Thema breit diskutieren lassen und die Kirche wäre gut beraten, das Thema offen anzugehen und sich gesellschaftlich gerechten Lösungen nicht zu verschließen! Eine Analyse der Kirchenaustrittszahlen findet man bei den Atheisten Österreich.

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9 Antworten

  1. @ DR. GERHARD ENGELMAYER , Zitat: “Die Kirche ist ja nicht dafür bekannt, sich große Gedanken über die Zukunft der Menschen zu machen oder solche Beiträge zu leisten.”

    “Laudato si’ (volgare umbro [„umbrisches Altitaloromanisch“] für „Gelobt seist du“)[1] ist die zweite Enzyklika von Papst Franziskus. Die auf den 24. Mai 2015 datierte und am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlichte Verlautbarung Über die Sorge für das gemeinsame Haus befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz[2] und setzt zudem Zeichen im Hinblick auf bestehende soziale Ungerechtigkeiten und auf die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. In den internationalen Medien wurde die Enzyklika vielfach als Aufruf zu einem weltweiten Umdenken und als Wendemarke in der Kirchengeschichte bezeichnet

    (…)

    Aus Sicht des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber ist der Stand der Wissenschaft in der Enzyklika völlig korrekt wiedergegeben. Außerordentlich wichtig an der Enzyklika sei, dass hier die Welt der Religion und die Welt der Wissenschaft zusammengebracht würden. Diese widersprächen sich nicht und könnten nur zusammen der Komplexität der Schöpfung gerecht werden.[20]

    (…)”

    Ob Dr. Engelmayer den Papst gelesen hat? Oder Hans Joachim Schellnhuber? Oder …

    Warum auch mit Argumenten “die Kirche” kritisieren, wenn man einfach “draufhauen” kann?

    • Wer nimmt den Vaticlown noch ernst?
      Er fliegt nach Bahrain, um dort für die Gleichberechtigung von Frauen seine Stimme zu erheben.
      Er predigt im Ausland für Menschenrechte und vergißt, dass der Vatikan die Europäische Menschenrechtkonvention noch nicht unterzeichnet hat. In bester Gesellschaft mit Weißrussland.
      Das angebliche Engagement für Umwelt- und Klimaschutz ist auch nur ein Zug, auf den die Kirche viel zu spät aufgesprungen ist, weil es jetzt nicht mehr anders geht. 1900 Jahre war die Beherrschung der Erde offizielle Doktrin.
      Siehe auch: Kirchenaustritte: Gutes Produkt, schlechtes Marketing?
      https://athikan.at/austritt/katholisch/marketing/2023/01/17/kirchenaustritte-gutes-produkt.html

      • @ Balázs Bárány, Zitat: “Das angebliche Engagement für Umwelt- und Klimaschutz ist auch nur ein Zug, auf den die Kirche viel zu spät aufgesprungen ist, weil es jetzt nicht mehr anders geht. 1900 Jahre war die Beherrschung der Erde offizielle Doktrin.”

        hui, das sind ja mächtig starke Argumente, die Sie da gegen das ökologische und soziale Engagement von Papst Franziskus, Hans Joachim Schellnhuber, und anderen vortragen – warum nennen Sie “die Kirche” / “den Vatikan” nicht einfach “das ewig Böse”?

        Hat es Dr. Engelmayer mal wieder die Sprache verschlagen – oder warum “antworten” Sie für ihn?

        Ich antworte bei meinen Artikeln beim Humanistischen Pressedienst auf Fragen – https://hpd.de/autor/andreas-lichte –, nicht dass jemand meint, ich erwarte zu viel ….

        • Schnucki, ich war da, habe einen dämlichen Kommentar gesehen, der an einem unwesentlichen Detail herummeckert, ohne die Gesamtaussage des Artikels zu beachten. Oder auch nur zu verstehen, wie es scheint.

          • @ Balázs Bárány, Zitat: “Schnucki, ich war da, habe einen dämlichen Kommentar gesehen, der an einem unwesentlichen Detail herummeckert, ohne die Gesamtaussage des Artikels zu beachten. Oder auch nur zu verstehen, wie es scheint.”

            Oh, Danke für das Kosewort “Schnucki”: ich wußte gar nicht, dass wir so vertraut sind … im Gegenteil: wer sind Sie überhaupt?

            Ich hab ja schon gesagt, dass ich für den Humanistischen Pressedienst schreibe. Präziser: Meistgeklickter Autor des hpd 2021 und 2022 – geschafft “ohne auch nur zu verstehen” – wenn das kein “Wunder” ist! Hier nachzulesen:

            – Jahresrückblick 2022, April – “Jahresrekord” 54.000 Aufrufe – https://hpd.de/artikel/2022-jahr-dem-krieg-nach-europa-zurueckkehrte-20976

            – Jahresrückblick 2021, Mai – “Jahressieger” 48.500 Aufrufe – https://hpd.de/artikel/2021-zweite-pandemie-jahr-und-andere-themen-20024

          • Wundervoll, so oft gelesen zu werden.
            Aber nun wissen wir es wirklich, und an Wunder glauben wir – und da schließe ich Herrn Bárány und Herrn Engelmayer mal mit ein, nun wirklich nicht – Humanisten brauchen keine Wunder.

            Dem mehrfach wiederholten “Wer sind Sie überhaupt!” könnte man durch das Nutzen einer Suchmaschine entgegenwirken, aber hier mal ein Link.
            Warum man sich als unser Gastkommentator hier so benimmt, das ist mir ein Rätsel.

        • Ja, das sind wirklich gute Argumente, die Balázs da vorbringt.

          Und es sind nicht nur 1900 Jahre, wie Bibelleser an Gen 1,28 erkennen können: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

          Ja, das sind wirklich starke Argumente gegen das ökologische und soziale Engagement der Kirche(n). Die römisch katholische Kirche als moralische Instanz zu bezeichnen, das wird sich niemand mehr trauen, der die Augen aufmacht.

          Zu Papst Franziskus: Wenn sogar in der Enzyklika LAUDATO SI’ vom Vatikan eingeräumt wird: “… die außerordentlichsten wissenschaftlichen Fortschritte, die erstaunlichsten technischen Meisterleistungen, das wunderbarste Wirtschaftswachstum wenden sich, wenn sie nicht von einem echten sozialen und moralischen Fortschritt begleitet sind, letztlich gegen den Menschen.”

          Zu Schellnhuber: Ein großer Mann, der viel für die Klimaforschung getan hat. Mir fällt dazu ein Kommentar von Peter Grohmüller ein: “Wenn ich das Wort „Schöpfungsverantwortung“ höre, denke ich immer: Wie clever. Wenn sich der Mensch wie ein Berserker verhält, kann er sich immer darauf berufen, nur in der zweiten Reihe zu stehen. Schließlich war es ja ein Gott war, der das alles hier erschaffen hat. Und dann lande ich unweigerlich bei Steven Weinberg: „Religion ist eine Beleidigung für die menschliche Würde. Mit oder ohne sie würden gute Menschen Gutes tun und schlechte Menschen Schlechtes. Aber damit gute Menschen Schlechtes tun, dafür braucht es Religion“.

          Nein, die Kirche ist nicht dafür bekannt, sich große Gedanken über die Zukunft der Menschen zu machen oder solche Beiträge zu leisten.

  2. Kurt Schober sagt:

    Das Parlament hätte jedenfalls Kontrollrechte über Kirchen / Religionsgemeinschaften. Mittlerweile sind 16 “anerkannt”, also Öffentlich- rechtliche Körperschaften mit Rechten und Pflichten. Die sogenannten “Bekenntnisgemeinschaften ” haben einen gewissen rechtlichen Status. Schließlich beruhen sie auf Gesetzen , die im Parlament beschlossen wurden: z.B. Islamgesetz, Orthodoxengesetz, Bekenntnisgemeinschaftsgesetz usw. Das Konkordat ist ein Staatsvertrag mit dem Heiligen Stuhl. Im Bundekanzleramt gibt es ein “Kultusamt”. Das entscheidet über die “Anerkennung” hinter verschlossenen Türen, da wäre z.B. öffentliche, parlamentarische Kontrolle / Transparenz, notwendig. Zuletzt wurden die ” Freikirche ” anerkannt, durch Zusammenschluss verschiedenen Bekenntnisgemeinschaften ! Die Kirchen/ Religem. verkünden nicht nur eine reine “Glaubenslehre ” , sondern verfolgen z,T. äußert brisante ,gesellschaftspolitische Zielsetzungen und Modelle ! Noch dazu mit den Recht in den Schulen Reli – Unterricht anzubieten. Das Kultusamt sollte regelmäßig über seine Arbeit dem Parlament berichten, die dort in einem Ausschuß/ Plenum diskutiert wird. Es gibt eine “Bundesstelle für Sektenwesen” , die liefert regelmäßig Berichte über ihre Arbeit an das Parlament. Neuerdings wurde auch eine Stelle für politischen Islam installiert. Der ” klassische , konfessionelle ” Reli-Unterricht sollte von einem “religionswissenschaftlichen ” Unterricht abgelöst werden und einen- möglichst historisch – kritischen- Überblick über alle Religionen bieten. Insbesondere sollten sich Kirchen / Religem. von Kindern bis zur Religionsmündigkeit ( (14 Jahre ) fernhalten . Ich denke, Religion ist keinesfalls” Privatsache ” , ihre Haltungen zur einer offenen, liberalen Demokratie und ihren Werten und ihren Grundlagen , muss in der Öffentlichkeit, damit auch im Parlament, diskutiert werden können !

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