Andreas Altmann | Morning has broken

Die Erwartungen sind hoch – und werden nicht enttäuscht! Es gilt, ein neues Buch von Andreas Altmann vorzustellen, das, wie alle seine vorhergehenden, an Gedankentiefe, Ausdrucksstärke, Bildmächtigkeit und Poesiefülle seinesgleichen sucht.

Des Autors Absicht und Anspruch, “nach Worten Ausschau” zu halten, “die die Leser aufwiegeln und begütigen sollen, heimsuchen und umarmen, anfeuern und besänftigen”, erfüllt es in reichem Maße.

Andreas Altmanns Fähigkeit, frei von Eitelkeit, ohne falsche Bescheidenheit selbstkritisch, humorvoll ironisch, zuweilen auch zärtlich, sprachlich zu verführen, ließ ihn zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Reiseschriftsteller Deutschlands werden. Darüber hinaus aber auch zu einem – nach eigener Definition – “Schreiber”, der nicht nur selbst Erlebtes schildert und von besonderen Begegnungen berichtet, sondern auch das sich oftmals nicht direkt Erschließende mit scharfer Beobachtungsgabe einfühlsam beleuchtet.

Seine anekdotischen Beschreibungen, verbunden mit Reflexionen und Einblicken ins eigene Seelenleben, lassen besondere Situationen, alltägliche und kuriose, zuweilen auch sehr dramatische, miterleben und mitempfinden. Seine Erzählungen führen die Leser in die Mitte des Geschehens, sie ziehen in Bann und regen gleichzeitig zum Nachdenken an.

“Morning has broken” vereint 25 sehr unterschiedliche Kapitel beziehungsweise Texte; zum Teil komponiert aus länger zurückliegenden Tagebuchnotizen und zum Teil aus Beobachtungen aktueller Geschehnisse, wie zum Beispiel Corona. Es sind Geschichten, manche auch nur Miniaturen, voll Heiterkeit und Leichtigkeit, einige auch voll Düsternis und Traurigkeit. So etwa beim Thema Auschwitz – “unser aller grauenhaftes Armutszeugnis” –, dem sich Altmann mit Fingerspitzengefühl und großer Sensibilität nähert: “Geh rein, schau hin, lerne und sei still.”

Andreas Altmanns Begabung, sensibel anteilnehmend in die Kultur und Gedankenwelt der Menschen in den bereisten Ländern einzutauchen, verleiht dem Buch Tiefgang, vermittelt Lesefreude. So zum Beispiel in den Schilderungen von Begegnungen mit einem kambodschanischen Schuster oder mit dem Palästinenser Aref und dem Ägypter Zehum, der sich trotz schrecklichster körperlicher Verunstaltung als glücklich bezeichnet, da er als Liebender der arabischen Sprache ihre Schönheit und Ausdrucksstärke bei Totengebeten zur Geltung bringen darf.

“Beruf Reisen” nennt sich ein Kapitel, das mit 82 “Behauptungen” Andreas Altmanns Liebe zum Reisen, seine Neugier auf das Leben anderer, aber auch seine Einsamkeit als Alleinreisender erahnen lässt:

  • “Das sind die Sternstunden des Reisens: Fremder sein dürfen, kein Alltag, jeder Tag ein anderer Tag. Und jeden Abend ein paar Millimeter weniger dumm und ein paar Millimeter reicher im Kopf…”
  • “Gelingt mir das, bin ich das geworden, was mir seit meiner Jugend als Traum durch den Kopf schwirrt: ein Weltbürger.”
  • “Wer den rechten Ton trifft, das eine Wort oder die fünf, sechs entscheidenden Wörter, der zielt mitten ins Herz der anderen. Der kann verführen, viele zu vielem. Auch zum Wichtigsten: zum Mitfühlen.”

Wie alle Bücher Altmanns – laut Wikipedia sind es 26 – enthält auch “Morning has broken” viel Autobiografisches. Es beschreibt die Obsession des Autors zu Büchern, zum Lesen, zur Sprache; es erzählt sehr persönlich, sich selbst nicht schonend, von seinem Leben, von Unfällen, von körperlichen und seelischen Blessuren. Es beleuchtet sein Verhältnis zu Frauen und Freunden, kritisch zu Politik und Religion, zum Leben und zum Tod. Es berichtet von seinem Scheitern als Schauspieler und vom Finden des Auswegs und großen Glücks als Schreiber, als Reporter: “Reporter sein ist einer der schönsten Berufe. Man läuft Frauen und Männern über den Weg, die die Tage und Nächte reicher machen.”

Das Kapitel “Wunder Sprache” behandelt ein Thema, das mit 73 “Annäherungsversuchen” – man könnte sie wohl auch Aphorismen nennen – zu Andreas Altmanns lebens-, ja überlebensbestimmender Liebe, der Sprache, führt:

  • “Sie kann uns erheben und erniedrigen. Sie kann die Liebe zum Leben anspornen, und sie kann sie uns austreiben. Sie kann retten und umbringen. Sie kann fast alles. Sie ist die erstaunlichste Erfindung der Menschheit.”
  • “Einer soll dem anderen beim Leben beistehen. Und sei es nur, indem man sich Wörter schenkt, sie verteilt wie bunte Pillen. Zum Schüren der Lebensfreude.”
  • “Wörter, Zeilen, Strophen suchen: Um das vermaledeite Leben auszuhalten. Sprache als eiserne Ration. Als Fluchtauto. Als Leuchtschrift in dunklen Zeiten. Als Heilsalbe, um damit das ramponierte Herz zu betupfen.”
  • “Ich mag meine Bücher. Und sei es nur aus einem einzigen Grund: Nach dem Schreiben bin ich klüger als jener, der ich vorher war.”
  • “Schreiben. Das ist mein Lieblingsglück. Weil ihm nichts fehlt. Weil es mich erlöst von anderen Wünschen.”
  • “Ich denke, dass ein Schreiber verpflichtet ist, zu stören. Als Leser bestehe ich darauf.”

“Morning has broken” hält, was es im Untertitel “Leben Reisen Schreiben” verspricht. Weit ausholend, lebensklug, empathisch, humorvoll, spannend, zuweilen bewusst auch ein wenig derb, bietet es ein weites Spektrum an Erlebnissen, Eindrücken, Empfindungen und Gedanken. Unverwechselbar im Stil, wunderbar authentisch, präsentiert es die Welt und ihre Bewohner, aber auch den Autor selbst, in ihren/mit seinen Stärken und Schwächen. Ein Buch für Reiseliebhaber und Abenteurer, für Sprachverliebte und Denkende, für Geschichte- und Kulturinteressierte; ein überaus empfehlenswertes Buch für nach Horizonterweiterung Suchende.

Autor

  • DI Dr. Gerfried Pongratz

    Der Rezensent Gerfried Pongratz ist promovierter Phytopathologe, Unternehmensberater und Yakzüchter mit Wohnsitz auf der Koralpe bei Deutschlandsberg (Österreich).

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DI Dr. Gerfried Pongratz

Der Rezensent Gerfried Pongratz ist promovierter Phytopathologe, Unternehmensberater und Yakzüchter mit Wohnsitz auf der Koralpe bei Deutschlandsberg (Österreich).

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