Krank durch Glauben – Das Sacco-Syndrom

Bericht über einen Vortrag zu Erkrankungen aufgrund religiöser Angsterzeugung, ignorante Schulpsychiatrie, Hitler-Feiertag, Freuds persönlicher Neurose, dem Ödipus-Komplex in der Kirche, und warum Würzburg Welthauptstadt der Angsterkrankung ADS geworden ist.

Religion sollte nicht psychisch krank machen, tut es aber bei vulnerablen Menschen. In einem bemerkenswerten und kontroversen Vortrag mit dem Titel „Das Sacco-Syndrom” sprach der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Rolf Reitis auf Einladung des Humanistischen Verbands Österreich (HVÖ) über die Auswirkungen von angstinduzierenden Religionen auf die psychische Gesundheit. Der HVÖ bietet allen humanistisch denkenden Menschen eine Plattform, auch wenn nicht immer sämtliche Thesen und Behauptungen der Referenten uneingeschränkt geteilt werden. Der folgende Bericht über den Vortrag zum Thema „Sacco-Syndrom” ist ein gutes Beispiel dafür.

Zum Vortrag

Das „Sacco-Syndrom“, auch „ecclesiogene Neurose“, beschreibt jene Symptome, die durch eine angstinduzierende Religion entstehen können. Die Liste möglicher Krankheitserscheinungen ist lang: Depressionen, ADS, ADHS, Zwänge, Panikstörungen, Psychosen, Schizophrenie, Neurodermitis, Migräne, Süchte, Suizide, Selbstverletzungen, Neurosen, Parasexualitäten (Pädophilie, Impotenz, Fetischismus, Frigidität, Masochismus etc.) und vieles mehr. Der Begriff leitet sich vom Alias-Namen „Frank Sacco” ab, den Reitis verwendet, um seine Veröffentlichungen, Debatten und juristischen Auseinandersetzungen zu führen. Dieses alter ego hat sich der Vortragende zugelegt, als Gläubige, Kollegen und Kammerfunktionäre erbost und mit heftigen Anfeindungen auf seine Kritik an die etablierte Psychiatrie reagierten. Die Ärztekammer in Deutschland versuchte Reitis als wahnhaft und berufsunfähig zu diskreditieren, jedoch waren all diese Bemühungen letztendlich ohne Erfolg.

In seinem Vortrag erläutert Reitis seinen Hauptvorwurf: Von Religion erkrankte Menschen werden lediglich hinsichtlich ihrer Symptome behandelt, die Ärzte bekämpfen aber nicht die eigentliche Ursache der Erkrankung. Das überlässt man als vermeintlich „theologisches Problem“ den Theologen und Geistlichen. Der Therapeut lässt damit den hilfesuchenden Menschen in der Bewältigung der Krankheitsursache gröblich in Stich.

Nach Reitis ärztlicher Einschätzung sind die religiös bedingten Angsterkrankungen das Ergebnis der Drohungen der Kirchen mit ewiger Folter und den vielen Geschichten der Heiligen Schriften und der Erwachsenen über einen strafenden, perniziösen Gott. Dass es dem angeblichen „Wort Gottes“ in der Bibel an Authentizität mangelt, da die Unterschrift des „Verfassers“ fehlt, erfasse der kindliche Verstand nicht und Kinder haben ein Urvertrauen in das, was Erwachsene ihnen erzählen. Schon in illustrierten Kinderbibeln finden sich die grausamsten Gottesnarrative. Beispielsweise werden nach der Offenbarung des Johannes die vom Teufel Verführten in einen Pfuhl von Feuer und Schwefel geworfen, wo sie gequält werden, Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit, ohne Aussicht auf Erbarmen. Auch die Märe über die von einem wütenden Gott hervorgerufene Sintflut mache Kinder durch Gottängste krank und verwirrt sie. Denn während Erwachsene die Sintflut als historische Katastrophe einordnen können und den göttlichen Wutanfall verdrängen, fragen sich Kinder als Realisten, warum Gott unschuldige Kinder und Tiere tötet. Und auch, warum hat Gott auch auf die Unschuldigen in den Städten Sodom und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen lassen, damit sie, auch kleine Kinder und Babys, lebendig verbrennen? Man soll Gott fürchten und lieben, predigen die Amtskirchen, doch was Kindern wirklich bleibt, ist existenzielle, später dann verdrängte Angst.

Ein trauriges Beispiel, wie die moderne Kirche von heute die Entwicklung von Kindern durch Angsterzeugung nachhaltig schadet, liefert Reitis mit der Ausstellung „Endspiel“ in Würzburg. Im Jahr 2010 wurden in sämtlichen Kirchen Würzburgs auf riesigen Gemälden die Apokalypse als Thema präsentiert. Diese komme „bald“, sei zu lesen gewesen und den Menschen, also auch den wehrlosen Kindern wurde das brennende Würzburg gezeigt. Heute sei Würzburg, so Reitis, die Welthauptstadt der Angsterkrankung ADS und eine Hochburg für Suizide. All dies habe er vorausgesehen, aber eine exemplarisch angezeigte Kirche wurde von der Staatsanwaltschaft nicht verfolgt. Der Vortragende wagt auch eine weitere düstere Prognose für die Zukunft: Wenn die jetzt angstkranken Kinder selber Kinder bekommen, werden diese vermehrt Autisten sein.

Im Zuge seiner ärztlichen und therapeutischen Tätigkeit hat sich Reitis intensiv mit den Thesen von Sigmund Freud befasst, denen er aber nicht zustimmen will. Sigmund Freud, so der Vortragende, führe auf die falsche Spur. Dessen Theorien der Kastrationsangst und des Penisneides seien konstruiert gewesen. Der Begründer der Psychoanalyse gerät daher selbst in den Fokus von Reitis‘ Forschung. Eine der vielen kontroversen Behauptungen, die das Publikum an diesem Abend vom Gastredner hört, ist, dass Freud am Sacco-Syndrom gelitten habe. Trotz seiner mutigen Äußerung, dass Religion ein Wahn sei, habe Freud das Thema Religion in seiner praktischen Arbeit auffällig vernachlässigt. Reitis behauptet, den Grund für diese Tabuisierung zu kennen. Eine Untersuchung verschiedener Quellen habe gezeigt, dass Freud mehrmals in Ohnmacht verfiel, als die Sprache auf einen Gottesmord kam. Mit diesen Ohnmachtsanfällen habe Freud der Panik entkommen wollen, die ihn überkam, weil er sich aufgrund seines eigenen „Gottesmords” schwer schuldig fühlte. Aus dem gleichen Verdrängungsmechanismus heraus habe Freud auch jegliche religionskritische Diagnosen vermieden.

Dem Ödipus-Komplex scheint Reitis hingegen eine Symbolkraft abgewinnen zu können. Angst vor einer Kastration durch seinen toten Vater hätte Ödipus nicht gehabt, aber die Figur des Ödipus sei gut geeignet, um die Auswirkungen irrationaler Schuldgefühle zu erklären. Ödipus wollte weder seinen Vater töten, noch wissentlich mit seiner Mutter kopulieren, schuldig und strafwürdig fühlte er sich trotzdem. Das Gefühl persönlicher Schuld für den Kreuzigungstod Jesu, das Sühne verlange, könne als ein Ödipuskomplex betrachtet werden, den die Kirche künstlich in die Seelen der Kinder einpflanze, damit diese als demütige Sünder einen Deal mit Gott über die Hilfe der Kirche eingehen können.

Auf taktvolle Wortwahl und political correctness legt Reitis wenig wert, wie seine wiederholten Bezugnahmen auf den Holocaust zeigen. Der schrecklichste Holocaust sei die Erzählung von der göttlichen Sintflut, die von den Amtskirchen gerichtlich unbestraft glorifiziert werde. Jeder Holocaust müsse aber als solcher erkannt und verurteilt werden. Zustimmung für seine Ansichten meint Reitis bei Susan Nieman, jüdische Direktorin des Einstein- Instituts, verorten zu können, die sich ebenfalls gegen die „Singularität des Holocaust“ aussprechen würde. Ihrer Meinung nach hätten auch andere Völker ähnliche Vernichtungen erlebt und die Konzentration auf den jüdischen Holocaust würde dem Antisemitismus Vorschub leisten. Provokant setzt Reitis seine Polemik fort: Nachdem alle Wesen auf dem Erdboden, Menschen wie Tiere, mit Ausnahme von Noach und seinen sieben nächsten Angehörigen, von Gott vom Erdboden vertilgt wurden, musste Noach zum Danke einen Altar errichten und Brandopfer leisten. Kein Jude wäre aber nach dem Holocaust auf die Idee gekommen, eine „Hitler-Dankesfeier“ zu begehen, weil er acht Juden verschonte.

Überhaupt taucht Adolf Hitler mehrfach in den Ausführungen dieses Abends auf, u.a. als Therapieansatz. Um als Arzt bzw. Therapeut die religiöse Ursache eines Symptoms zu bekämpfen, sei es nicht sinnvoll, die Existenz Gottes zu leugnen, sondern man müsse den Patienten dort abholen, wo er steht. Das unbeschreibliche Leid, dass Hitler anderen Menschen zugefügt hat, könne beim Patienten relativierend in seiner Einstellung zur Schwere seiner eigenen Sünden wirken. Reitis behauptet, dieser „Hitler“-Therapieansatz habe in seiner Arbeit mehrmals Erfolge gezeigt.

Rolf Reitis ist kein Mensch, der es bei kritischen Mahnungen und schriftstellerischer Aufklärung belässt, er strebt eine rasche Veränderung an. Sein bevorzugtes Mittel, um religiöse Erkrankungen nachhaltig zu vermeiden, ist der Gang zum Gericht. In über 50 Gerichtsverfahren ist der streitbare Arzt und Religionskritiker nach eigenen Angaben schon involviert gewesen. Für viele Kritiker mag der Arzt daher als pathologischer Berufsquerulant gelten, aber mit seinen vielen Prozessen verfolgt er eine klare Strategie. Reitis gewinnt nämlich auch dann, wenn er verliert – zumindest fühlt er sich als Sieger. Ein Beispiel hierfür ist seine Klage gegen Jesus, den er dafür verantwortlich macht, dass er der Menschheit in einem Weltgericht ihre Auslöschung androht. Obwohl die Bibel von der Auferstehung Jesu von den Toten berichtet, erging das Urteil des Gerichts, dass Jesus gestorben und tot sei.

Wer Reitis bei seinen Ausführungen aufmerksam zuhörte, hat bemerkt, dass dieser nicht gegen die Vorstellung von der Existenz Gottes an sich wettert, ihn stört vielmehr, was die Bibel und Amtskirchen einem Gott Unheilvolles unterstellen. Gegen die Idee eines liebenden Gottes, scheint Reitis nichts zu haben. Gott habe noch nie ein Kind ertränkt oder verbrannt, meint er. Zum elitären Kreis der „Vernünftigen“ zählt Reitis den Priester und Theologen Eugen Biser. Dieser setze sich für eine „Selbstkorrektur“ der katholischen Kirche ein und habe verstanden, dass es diesen strafenden Gott für ein richtig verstandenes Christentum nicht gebe, sondern nur den Gott der bedingungslosen Liebe.

Am Ende des spannungsgeladenen Vortrages werden wechselseitig Büchergeschenke verteilt. Der Gastredner verschenkt an das Publikum Ausgaben seiner „Frank Sacco“-Werke „Wenn Glaube krank macht: Das Sacco-Syndrom“ und „Die Neurose Sigmund Freuds“. Der Vortragende bekommt das kürzlich erschienene Buch „Atheistisch glücklich sterben“ geschenkt, ein umfängliches Trostbuch für sterbende Atheisten und sonstige Transzendenzskeptiker, die einen liebenden Gott in der realen Welt nicht erkennen können.

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