Prof. Anton Zeilinger | Ist ein ‘transzendenzoffener’ Naturwissenschaftler PR für Kirche?

Jaqueline Godany, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons

Keine vier Stunden nach Bekanntgabe des Nobelpreises für Physik postete Schönborn bereits die Übernahme des Herrn Zeilinger unter den weiten Schutzmantel der Kirche, indem er ihn als „Transzendenzoffenen Naturwissenschaftler” pries, was immer das für Otto Normalverbraucher heißen mag. Mehrere andere Tweets aus dieser Ecke bliesen in dasselbe Horn.

Ich deute das als klaren Vereinnahmungsversuch. „Selbst Physiker sind gläubige Menschen“, heißt die Botschaft, oder zumindest „können es sein“. Hat Professor Zeilinger das wirklich gesagt? Ist er ein gläubiger Mensch?

Und selbst wenn er es gesagt hat, hat das für den Einzelnen irgendeine Relevanz? Sagt er in Wirklichkeit nicht genau das, was wir Religionskritiker seit Menschengedenken auch sagen, nämlich dass Religion die Sache jedes Einzelnen ist und er gegen jede Grenzüberschreitung zwischen Wissenschaft und Religion ist?

Zweifelsohne ist aber das Grenzüberschreitungs-Statement auch eine harsche Kritik an dem Atheisten Richard Dawkins, der in seinem „Gotteswahn“-Buch der Religion jede Daseinsberechtigung abgesprochen hat, vorwiegend aus Sorge, dass die Religion in vielen Hinsichten einen schädlichen Einfluss auf Menschen, vor allem auf Kinder ausübt (und weniger um der Naturwissenschaft eine Art „Vorherrschaft“ zu sichern, wie ihm unterstellt wird).

Genau diesen Aspekt der Schädlichkeit von Religionen finden wir bei allen Äußerungen Zeilingers unterbelichtet. Er befasst sich hauptsächlich mit dem kognitiven Element der Religion. Gott kann man nicht beweisen, ja es ist nicht einmal wünschenswert, weil dann der Glaube als Glaube zerfällt.

Zeilinger behauptet nur, dass selbst ein Naturwissenschaftler ein gläubiger Christ sein kann. Daran ist nichts auszusetzen. Es ist die persönliche Entscheidung des Einzelnen. Damit wird er zum Grenzgänger zwischen einem gläubigen Christen und einem Agnostiker, einer Ansicht, der wahrscheinlich 60-80 % aller Physiker zuneigen.

Zeilinger ist aber über ein positivistisches Verständnis hinausgewachsen und sieht Religion und Metaphysik nicht mehr als überflüssig und sinnlos an, sondern für den Einzelnen als möglicherweise wertvoll. Vielleicht verwechselt er Religion mit Spiritualität (Einsteins Religion).

Humanisten kritisieren an Zeilinger nur, dass dieser seiner Vereinnahmung bisher nicht widersprochen hat und die Kirche und deren Aktivitäten offenbar kritiklos anerkennt, ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben. Ein Gläubiger ist eben mehr als nur jemand, der an Gott glaubt, vor allem ein prominenter. Er transportiert eine Information, die mit heutiger Ethik nicht kompatibel ist. Moderne aufgeklärte Ethik steht im Gegensatz zu autoritären, frauenfeindlichen und leibfeindlichen Konzepten der großen Religionen. Wissenschaft braucht Gedankenfreiheit. Das gibt es nur in einer säkularen Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass sich Wissenschaftler, die von uns allen bezahlt werden, vor den Karren der Religion spannen lassen.

Den Kunstbegriff „Transzendenzoffenheit“ müsste man erst definieren, aber ich bezweifle, dass Kirche und Zeilinger das gleiche darunter verstehen. In der kolportierten Diktion kommt Zeilinger als gläubiger Christ drüber, mit allen diesbezüglichen Duftnoten.

Die Kirche begreift auch nicht, dass eine Vereinnahmung Zeilingers sinnlos ist. Es werden damit nicht mehr Menschen gläubig. Wohl aber handelt es sich eher um einen armseligen PR-Gag.

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